Ein Beitrag von
Timothy Oesch
Generalsekretär

Eine Ode an Sparmassnahmen

Über schlaue Füchse und den Rotstift, der sein Unwesen treibt

Wer von euch raucht? 

Wusstet ihr, dass etwa 95% von euch genetisch bedingt nie lungenkrank werden können? Krebs und ähnliche Krankheiten der Atem- und Luftwege sind mehrheitlich von Erbkrankheiten abhängig! 

Ausserdem: Wusstet ihr, dass das Schweizerische Militär von 300’000 Kriesenhelfenden letztes Jahr etwa 270’000, also 90%, gestellt hat? 

Letztlich noch dies: Fast alle von euch, etwa 97%, die derzeitig eine Brille tragen, um ihre Kurzsichtigkeit zu korrigieren, können im Alter auf Besserung hoffen: In den allermeisten Fällen korrigiert sich Kurzsichtigkeit je älter desto mehr von selbst aus.  

Nein, liebe Leser*innen, ich bin nicht auf der falschen Konferenz gelandet. Ich suche nicht das Treffen für rauchende Schweizer Armeeoffiziere, die eine Brille tragen. Ich bin hier genau richtig. 

Wisst ihr, welche Gemeinsamkeit die oben genannten Fakten haben? 

Sie sind alle kreuzfalsch. Erstunken und erlogen. Sehstärke hat leider nichts mit dem Alter zu tun, die Armee der Schweiz stellt im letzten Jahr nur etwa 2% der Menschen, die in Krisen- und Katastrophensituationen Hilfe leisteten und acht aus zehn von euch Raucher*innen sind bereits von einer Lungenkrankheit, konkret COPD, befallen, ohne, dass überhaupt Anzeichen darauf bestehen. Fehlglauben, der oftmals seine Runden, von Mund zu Mund, zieht.

Die Bildungspolitik der Schweiz versucht derzeitig etwas Ähnliches zu reproduzieren. Das Streuen von Fehlinformationen oder von Verdrehungen der Realität.  

Der Rotstift zieht sein Unwesen in unserem Land: In vielen Kantonen werden die Kürzungen und Sparmassnahmen in naher Zukunft deutlich spürbar werden. Luzern 331 Millionen, Aargau 270 Millionen, Basel 250 Millionen, Genf 600 Millionen und Zürich 1.9 Milliarden Schweizerfranken, um einige Beispiele zu nennen. Alleine in den letzten sieben Jahren, also seit 2010, wurden diese Beträge in verschiedenen Bildungseinrichtungen gestrichen. Was würdet ihr mit diesem Geld tun, liebe Lesende. 

„Aber wir sparen doch gar nicht!“, schreien die einen. „In Zürich werden die Ausgaben für die kommenden Jahre einfach plafoniert. Das ist kein Sparen!“ Ist dem so? Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Stellt euch vor, liebes Publikum, dass ihr Kinder habt. Sagen wir 9 und 11 Jahre alt. Stellt euch vor, dass ihr mit ihnen abgemacht haben, dass sie ab dem zehnten Altersjahr Taschengeld bekommen. Mit zehn Jahren zehn Franken pro Woche. Mit elf, elf. Mit 12, 12. Ihr seht das System. Das elfjährige Kind bekommen im Jahr also 572 Franken, das Neunjährige noch nichts. Im nächsten Jahr würde das Ältere dann 624 Franken bekommen, das Jüngere zum ersten Mal 520 Franken. Nun teilt ihr euren Sprösslingen im ersten Jahr mit: „Ja, liebe Kinder, ich habe mich dazu entschlossen, dass ich die Taschengeldausgaben auf Grund von problematischen Zukunftsprognosen, die möglicherweise nicht eintreffen werden, auf vielen, vielen Variablen beruhen und die letzten Jahre gezeigt haben, dass diese Prognosen falsch sein können, zu plafonieren. Ich spare aber nicht, ich gebe nur nicht mehr aus!“ Ergo bedeutet das folgendes: Im nächsten Jahr würde dann das ältere Kind nicht 624 Franken im Jahr bekommen, sondern nur noch 286, weil es ja sein bisheriges Taschengeld mit dem jüngeren teilen muss. Das jüngere würde dann zwar auch 286 Franken bekommen, was zwar einem Anstieg von 286 Franken zum Vorjahr entspricht, doch nicht den versprochenen 520 Franken. 

In der Zürcher Mittelschulbildung funktioniert es recht analog: Zwar sind die Kinder aus dem vorherigen Beispiel nicht effektive Schulkinder, sondern eher der Bildungsauftrag, welchen die Mittelschulen haben, jedoch alle anderen Faktoren sind zu übernehmen: Nicht nur haben wir einen Zuwachs der sich Bildenden, auch haben wir beispielsweise einen Kostenanstieg der Schulmaterialien: Wer hätte vor nur 15 Jahren gedacht, dass fast jeder Schüler, jede Schülerin das Arbeiten am Computer in den Schulen lernen wird. Wer hätte vor 10 Jahren gedacht, dass es Pläne geben wird, den Papierverbrauch der Schulen durch die Verwendung von Tablet Computern und dergleichen zu minimieren? Die Schulen müssen Einrichtungen bleiben, welche sich dem Zeitgeist anpassen. Die Digitalisierung gehört definitiv dazu. Das ökologische Bewusstsein vieler Bildungseinrichtungen ist oftmals sehr zu bewundern. An meiner ehemaligen Schule beispielsweise wurden schon früh Solarzellen zur Stromproduktion auf den Dächern montiert. Wir hatten einige Projekte beispielsweise mit Wetterballons, die verschiedenste Daten lieferten. Die Sensibilisierung der Schüler*innen für eine Unmenge an Themen, die vielleicht nicht im Lehrplan festgehalten sind, findet an den Schulen, an der Sie einen Grossteil ihrer Jugend verbringen werden, statt. Freiwillige Projekte, die dieses Bewusstsein fördern sollen, werden durch die Plafonierung der Ausgaben im Bildungsbereich, ich rede nicht mehr vom bösen Sparen, sterben. 

„Aber wieso soll denn nicht in der Bildung gespart werden? Jeder Aufgabenbereich des Sozialstaates gibt seinen Teil dazu!“, rufen die Anderen. Also bitte, stehe ich da und sage, dass nicht in der Bildung, dafür im ÖV gespart werden soll? Sage ich, dass es sinnvoller ist, Krankenkassenprämienverbilligungen zu kürzen, wie es der Kanton Luzern jetzt macht? Behaupte ich, dass es besser ist Spitäler und sonstige Gesundheitseinrichtungen zu privatisieren?  

Ich stamme aus einem sehr dunklen, braunen Kaff, liebe Lesende. Mir, als Sozialist, wird immer öfters vorgeworfen, dass ich mich „doch endlich Mal um das eigene Volk kümmern soll, bevor ich für Rechte von Menschen mit Migrationshintergrund kämpfe“. Aber, aber, lieber SVP-Hans und Franz: Wir kämpfen füreinander, nicht gegeneinander. 

Die Frage sieht jedoch für Einige enorm sinnvoll aus: Die Bildung kreiert keinen Output per se. Finanziell gesehen wirft jeder Franken, der in den Bildungsapparat gesteckt wird, nicht 1.50 ab. Kurzfristig, ein Verlustgeschäft. Ist Sparen also sinnvoll? Schauen wir in die Zukunft, liebe Damen und Herren und alles dazwischen und ausserhalb: Wir schauen in ein Zeitalter, welches jedem Individuum mehr Aufgaben und Kompetenzen übertragen wird. Die Demokratie hält Einzug, in so vielen Bereichen wie noch nie. Viele Aspekte der Globalisierung polarisieren die Gesellschaft enorm. Wir sprechen über Sex, wir wehren uns gegen Oppression, wir kämpfen für unsere Rechte. Die zukünftige Bildung wird sich je länger je mehr mit den politischen Grundsätzen unserer aufgeklärten Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Wie wird ein Mensch in den politischen Prozess erzogen, wenn nicht eine seiner Lehrpersonen diese Aufgabe übernimmt? Wann, wenn nicht in seiner Schulzeit? 

Chancengleichheit. Ein Stichwort, dass in der Diskussion um die Kürzungen im Bildungsbereich oftmals fällt. In einer solchen Unterhaltung wies mich eine Dame darauf hin, dass Chancengleichheit eine „unerreichbare Utopie“ sei. Wir kennen diesen Menschen alle: Eine Dame, die direkt in den Prozess der Plafonierungsmassnahmen involviert war und von den Jungsozialist*innen einst als Teufelin dargestellt wurde. Ich paraphrasiere: „Wir sind alle unterschiedlich. Chancengleichheit zu fordern ist sinnlos.“ Ich glaube, dass wir alle wissen, dass die Gleichheit der Rechte auf gleiche Möglichkeiten nicht utopisch ist. Die Differenzen in unseren Kapazitäten und Kompetenzen rechtfertigt auf keinen Fall, wieso ein Mensch nicht mit den gleichen Chancen durch sein Leben laufen darf. 

„Auch die Bildung kann man optimieren! Entrümpeln hat noch keinem geschadet!“, proklamieren die Nächsten. Wie kann man nur bei einem solch wichtigen Lebensaspekt wie der Bildung von Leistungsoptimierungsmassnahmen sprechen! Sich zu bilden ist kein Wirtschaftliches Gut, keine Aktie, keine Ware, die bei grosser Nachfrage an Wert gewinnt, bei kleiner Nachfrage der Preis gesenkt werden muss, nichts, das Dividenden oder Einkommen generieren soll. Wie kann jemand auf die Idee kommen, dass einfach solange an der Bildung geschraubt werden kann, bis am Ende des Budgets eine schwarze Null steht. Bildung ist kein Rohstoff, liebes Publikum. Bildung ist ein Selbstzweck. Ich bilde mich nicht für den Arbeitsmarkt, sondern für mich selbst. Ein Fakt, der vielen hohen Tieren der Bildungskoordination ein Dorn im Auge ist.

Die Ansätze, wie Sparmassnahmen hinter dem schön wirkenden Mantel der Leistungsoptimierung versteckt werden können, sind divers: Der Kanton Zürich ist hier nicht mal der einfallsreichste! In Zürich wirken Formulierungen wie „Klassengrössen optimieren“ und „das Finanzierungsmodell überarbeiten“ ganz nett. Was sie aber bedeuten, ist bitter: Ich selbst befand mich in einer Klasse, die aus zeitweise 30 Personen bestand. Wohl bemerkt in einem Klassenzimmer, welches für ungefähr 20 Menschen ausgelegt war. Die Lehrpersonen sind hiermit überfordert: Zeitweise meinte mein Englischlehrer, dass er uns nicht die Schuld geben könne, dass gewisse Mitschüler*innen schlechte Noten schrieben. Er selbst sähe keinen Weg, wie er das Niveau aller vorantreiben könne.  

Andere Kantone sind hier schlau wie Füchse bzw. sie versuchen es: Im Aargau präsentierte die Rektor*innenkonferenz vor kurzem das „Unterrichtsmodell 2019+“, welches 3 Massnahmen mit sich bringen wird. Zwei dieser Ansätze würde ich als herkömmliche Massnahmen bezeichnen, welche ohnehin „nur“ die finanziell schwächeren Schüler*innen betreffen werden: Beispielsweise werden die Schüler*innenpauschale für Lehrmittel und die Investitionen im Unterrichtsbereich um rund 6 % gekürzt. Wie kann das bitteschön ohne Einbussen von Lehrqualität gewährleistet werden? Entweder werden den Schüler*innen regelrecht die Bücher aus den Händen gespart, oder die sich Bildenden müssen selbst für ihre Materialien aufkommen. Klingt enorm sinnvoll, habe ich recht, liebe Mitmenschen? 

Die radikale Massnahme betrifft jedoch alle am Bildungsprozess Beteiligten: Eine Schullektion soll künftig nicht mehr nur 45, sondern 80 Minuten dauern. Genial! Wieso braucht ein Mensch, dessen Aufmerksamkeitsspanne sich, basierend auf unzähliger Studien, auf ungefähr 20-30 Minuten beläuft, auch alle 45 Minuten eine Pause? Daniel Franz, Präsident der Rektor*innenkonferenz wird in der Aargauer Zeitung wie folgt zitiert: „Es ist pädagogisch unbestritten, dass längere Unterrichtssequenzen auf der Stufe Sek II für die Schülerinnen und Schüler besser sind als die klassischen Lektionen, die getaktet sind und exakt 45 Minuten dauern.“ Wer von dieser Aussage ernsthaft überzeugt ist, hat sich in den letzten 25 Jahren seines Lebens nicht ein einziges Mal in einer Schulklasse befunden. Natürlich stimme ich Herrn Franz zu, dass weniger Fächer an einem Tag sinnvoll sind. Doch dies mit der Verlängerung einer Lektion auf 80 Minuten zu erreichen, hat nichts mit dem pädagogischen Wert zu tun. Wir sprechen hier von einem obrigkeitshörigen Kniefall der Rektor*innen gegenüber dem Kanton. Verwerflich? Nein, wer möchte schon seinen Job verlieren. Sinnvoll? Nein. 

In anderen Kantonen, wie beispielsweise Luzern, versuchen die leitenden Gremien nicht einmal mehr, die Sparmassnahmen zu verstecken: Die Diskussion um Schulschliessungen und die Streichung der Finanzierung von Musikschulen, die angeordneten Zwangsferien und viele weitere Massnahmen zeigen, dass es der Bildung in diesem Kanton ohne Wenn und Aber an den Kragen geht. Beschlossene Sache, basta. Die Zukunft läuft auf ein, und ich wähle dieses Wort bewusst, Endziel zu: Bildungsabbau ohne Grenzen.

Was ist zu tun, liebes Publikum? Wo können wir ansetzen? Es entspricht der typisch bürgerlichen Agenda, soziale Leistungen als Antwort auf Steuersenkungen anzukündigen. Staatsabbau im grossen Stil. Ein Paradebeispiel: Winterthur. Nach einer endlosen Zeit der Kürzungen in vielen Bereichen der Stadtpolitik, entschloss der Stadtrat Winterthurs vor noch nicht einmal einem Monat, den Steuerfuss als Antwort auf erstmals wieder schwarze Zahlen im Staatshaushalt in naher Zukunft zu senken. Welch brillante Idee! Oder? 

Es gibt verschiedene Antworten. Gehen wir zusammen auf die Strassen. Zeigen wir unseren politischen Mächten, dass wir, die Schüler*innen, die Steuerzahler*innen, die einfachen, aufgeklärten Menschen genug ihrer Politik haben. Die Schüler*innen brachten den Ball ins Rollen: Schulbesetzungen, Strassenumzüge, Demos, Manifestationen… Die Liste der Aktionen ist lang und wird auch weiterhin wachsen. Jetzt ist es an uns allen, dem ganzen Sozialbereich, zusammenzuhalten. Kämpfen wir miteinander, füreinander. 

Doch kämpfen wir auch für ein Recht der Mitbestimmung. Kämpfen wir für unsere Schule. Bildungspolitik kann langweilig sein. Zugegeben, oftmals ist ein Grossteil der Politik das. Doch nur, wenn wir es alle gemeinsam tun, können wir unsere Ziele erreichen. Alle zusammen für Chancengleichheit, für mehr Mitbestimmung, für mehr politische Bildung, über welche ich hier eigentlich hätte sprechen sollen, doch was gibt es gross zu sagen darüber, wenn weder ein Fach Politikunterricht, noch ein Fach Staatskunde, noch ein Wahlkurs „Einführung in politische Prozesse“ oder irgendetwas ansatzweise ähnliches in irgendeiner Form besteht?  

Wieso gibt’s es nicht? Kommt wir sagen es alle zusammen: Sparenmassnahmen!

Ich könnte euch noch jahrelang von der Wichtigkeit der Bildung, von den Ausmassen von Demonstrationen und Streiks, von der Macht Eurer Stimme, euren Füssen auf den Böden der Strassen und meiner Zukunftsvision erzählen. Doch meine Zeit ist begrenzt und ich hoffe, dass ich Ihnen allen einige Gedanken mit auf den Weg geben konnte.